Freitag, 12. September 2014
Vom Fehlen
Wenn es keine Engel gibt, dann war das wohl einen Sonnenstrahl. Wie die Krähe über mir anfing Rabatz zu machen, als ich zum dritten Mal 'Ich gehe jetzt.' flüsterte und trotzdem immer noch stehen blieb. Wie alles irgendwie stehen blieb, seitdem du weg bist. Und wie sehr ich mich durchs Leben... (wie sehr ich jetzt vor dem blinkenden Cursor sitze, weil ich nicht 'quäle' schreiben möchte), wie sehr ich mich also an das Leben ohne dich gewöhne. Wie sehr ich versuche dieses Vakuum zu füllen. Und wie unbedeutend mir all dies vorkommt. Ohne dich ist alles Nichts.



Und wie ich dann heute den Postkasten öffne und einen Schrecken bekomme. Mich frage, wer gestorben sein kann. Wie ich dann verstehe, dass diese Karte mich meint. Für mich gedacht ist. Wie mir gewünscht wird, dass diese Wunde heilt. Wie ich denke, dass dies niemals der Fall sein wird. Dass du für immer fehlst. Und dass ich mit jedem Blick in den Spiegel verstehe, was ich verloren habe.



Wie sich dein Tod langsam über mir herabsenkt. Wie nach einem Vulkanausbruch erreichte mich zuerst die Druckwelle, dann Gestein, dann Ascheregen. Wie ich die dicke, dunstige Wolke spüre, die sich wie eine Decke über mich und alles, was ich kannte legt. Wie sie keinen Ton herauslässt. Und nichts hinein. Wie ich den Atem anhalte. Und wünschte, ich wäre dort, wo du bist.


Ich bin aus deinem Ei.

I'm the blue
and she's the sky.

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Freitag, 23. Mai 2014
22.05.2014
Auf einmal steht ein Sarg im Zimmer.
2 Männer stehen hinter mir und ziehen sich Gummihandschuhe an.
Ganz so, als könnten sie sich dadurch vor dem Tod schützen.

Ich küsse sie ein letztes Mal.
Dann bin ich mutterseelenallein.

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Mittwoch, 25. Dezember 2013
3 Tage frei
Mehr mache ich mir nicht daraus. Ich höre die 48, als ich frühmorgens gegen 13 Uhr an der PressaMini stehe und den orangenen Orangen das letzte Hemd rauspresse. Dann denke ich safttrinkend ein büschn nach. Und weiß auch nicht so recht. Weiter schon gar nicht.




Die Waschmaschine läuft. Weil ich auf den Rat meiner Mutter höre. "Mach immer erst ne Maschine Wäsche an." Manchmal, wenn ich alles weggewaschen habe, dann wasche ich Sachen, die sauber sind. 2 Mal ist die Waschmaschine schon übergelaufen. Weil ich immer zu viel Waschmittel nehme. Ich nehme dann die frischen Handtücher um den Schaumteppich vom Küchenfußboden aufzunehmen. Dann kann ich die anschließend gleich noch mal mit durchwaschen.

Kann man ja mal machen.

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Montag, 26. August 2013
Zum Ausgang
Ich verlasse das Zimmer und gehe den Gang entlang. Meine Ballerinas machen auf dem hellgrünen Linoleumboden keine Geräusche.

Am Ausgang muss ich den grünen Kittel ausziehen und ihn in einen der Eimer werfen. Damit ich die Hände frei habe, hänge ich meine Tasche an einen Haken an der Wand. Ich sehe sie an und bemerke, dass sie genau auf der Höhe hängt, wo die Brust eines lieben Menschen wäre, stünde er vor mir.



Ich lehne mein Gesicht in die Tasche. Und hänge mein Gewicht an den Haken. Er hält. Ich kann nun endlich weinen. Vergesse alles andere um mich herum und schluchze wie ein kleines Kind in meinen Brustkorbersatz.

Eine Hand streichelt meinen Rücken. Ich schaue auf. Eine ältere Dame steht neben mir und tätschelt mir die Schulter. Sie ist gerade dabei, sich einen von den grünen Kitteln anzuziehen. "Sie sind nicht allein. Ich muss jetzt auch "Tschüß" sagen gehen." sagt sie.

Wir nehmen uns in den Arm.
Drücken uns ein mal.
Dann lassen wir los.

Wir lassen los.

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Montag, 9. April 2012
Weckdienst
Wenn die eigene Mutter einen am Telefon anschreit und einen wissen lässt, dass sie sich gleich umbringt und man daran Schuld sei.

Ein tolles Gefühl.

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Freitag, 17. Februar 2012
Eine Woche voller Abschiede
Wie ich heute irgendwie als Letzte die Kapelle betrat.
Und mich als Letzte ins Kondolenzbuch eintrug.

Wie ich zuerst nicht wusste, ob ich überhaupt und wenn ja mit welchem Namen ich unterschreiben soll. Wie ich dann dachte, dass nur er mich so nennt und ich mit vollem Vor- und Zunamen unterschrieb. Auf der Gästeliste des Grauens.

Wie ich vom Licht in die Dunkelheit trat. Und jemand hinter mir die großen Holzflügeltüren schloss. Wie ich dann einfach dort stand. Mitten in der Mitte. Und erst mal die brennenden Kerzen zählte. Wie ich noch einen Schritt nach vorn trat. Direkt vor den Sarg. Und ich mich fragte, wie dieser große stolze Mann in diese kleine Kiste passen konnte. Wie ich den Mund öffnete, um genau das laut zu fragen und wie ich ihn wieder schloss, weil ich eine Hand im Rücken spürte. Wie mich jemand auf einen leeren Stuhl in der ersten Reihe schob. Und wie sehr ich es hasse, bei Beerdigungen in der ersten Reihe zu sitzen.

Wie mehrere Menschen nacheinander auf die kleine Kanzel stiegen und Reden hielten. Und ich quasi kein Wort wahrnahm. Ausser Schwester. Wie mein Bruder neben mir zu weinen begann. Und ich erst mal die Knöpfe an den Uniformen zählte. Und wie ich schluckte, als sie die Vereinsfahne entrollten und sich verneigten. Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr.

Wie wir dann alle irgendwann wieder im Licht standen. Und wie mich jede Umarmung ein wenig starrer machte. Wie ich trotz allem noch Trost fand und ihn an andere weitergab. Und wie sehr ich mir dabei meine Mutter herbeiwünschte. Wie gern ich sie dabei gehabt hätte. An diesem Tag. Und wie ich ihr das alles irgendwann erklären muss.

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Sonntag, 8. Mai 2011
Wie ein Herzschlag ohne Blut


Wie ein Wurm ohne Apfel.
Fühl' ich mich.
Ohne Dich.

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Instead of Blumen


Sie wolle doch demnächst heiraten. Sagt die junge Dame zum Chefarzt. Und fragt ihn. Ob sie damit warten solle. Bis ihre Mutter [Schlaganfall, schwerer Hirnschaden, kaum älter als meine Mutter] in der Lage sei. Dabei zu sein.

Wenn Sie 2 Jahre warten wollen.
Sagt er mehr im Vorbeigehen.
Dann machen Sie das.


Dies. Und wie furchtbar allein man sich manchmal auf diesem langen Flur zwischen all dem Fachpersonal fühlt.

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Donnerstag, 28. April 2011
Lieber mal ausschlafen
Heute ihren Gefrierschrank vom Strom genommen und schätzungsweise 12 Kilo tiefgekühltes Frischfleisch entsorgt. Krustenbraten, Kalbsbraten, Keule, Rollbraten, Steaks, Hirschmedaillons... uswusf.

Mit jedem weggeworfenen Stück Fleisch. Ein wenig Schuld auf mich genommen.

Nein Mutti, Sonntag komme ich nicht.

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Freitag, 22. April 2011
Freitag; 22.04.2011 ~ Tag 140
Die einzige Patientin die ich, neben meiner Mutter, auf der Intensivstation wahrnehme. Ist eine Frau, die gleich am Anfang der Station liegt. Im Bett gleich an der Tür. Nicht nur ihr Alter und Zustand, sondern auch die wenigen, kaum sichtbaren Fortschritte sind meiner Mutter ähnlich. Ich freue mich, wenn sie Besuch hat. Und lächle sie an, wenn sie allein ist und mit dem Blick zur Tür gelagert wurde.

Als ich heute auf die Station komme, hat sie ungewöhnlich viel Besuch. Und ich sehe schnell, dass nur 2 Angehörige an ihrem Bett stehen und die anderen Personen Schwestern und ein Arzt sind.

Ich verlangsame nicht; gehe in meinem normalem Tempo an ihrer Tür vorbei. Und kann dennoch mitanhören, was gesprochen wird und begreife, was dort passiert.

Abschalten? Was genau meinst du denn mit abschalten, Mutti?


Als ich ein paar Meter weiter um die Ecke biege und das Zimmer meiner Mutter betrete, nimmt mich mein Bruder zur Begrüssung in den Arm und gratuliert mir zum Geburtstag.

Er wird mich eine Weile so halten müssen.
Denn meine Knie sind dazu zu schwach.

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